Die Sehen Doch Sowieso Alle Gleich Aus.

18 Jun

Hach, taz… Ihr lernt auch einfach nichts dazu, ne? Deniz Yücel fand es schon sehr gemein, dass er nicht mehr unwidersprochen N* sagen darf (und sich gar Frauen im Publikum dagegen lautstark zur Wehr setzten, statt zu bügeln – Videospiel-Zitate be damned…), aber das habt Ihr unter “Satire” verbucht, und die darf ja bekanntlich alles. So, wie “Onkel Barracks Hütte” 2008. Oder wie Die Partei mit Blackface. Oder der Dresdner Zoo mit Affen.

showbiz_barack_obama_presidents_chairBarack Obama kommt also nach Berlin, 50 Jahre nach John F. Kennedy, und wird eine Rede halten am Branden­bur­ger Tor, nun in image­schwieri­gen Zei­ten von PRISM und Hunger­streiks von Guan­ta­na­mo-Häft­lin­gen. Es ist zu er­war­ten, dass sich – wie üblich – Oba­mas Rede in Pathos er­giessen wird und man ein bisschen Ameri­can Ex­ceptio­na­lism vor die Na­se ge­knal­lt be­kommt. Das wäre nichts Neues und das wäre auch nicht anders als das, was Politiker_innen weltweit tun (except for the exceptional exceptionalism, maybe) – es ist also keinen besonderen Spott oder besondere Häme wert.

Wozu hat sich nun aber die taz entschieden? Dafür, eine satirische Kolumne zu schreiben, in der Barack Obamas Rede aus Zitaten von Roberto Blancos Liedern besteht.  Mehr noch, diese wird gleich eingeleitet mit einem Bild Roberto Blancos, das folgende Caption trägt: “Der amerikanische Präsident Barack Obama bei der Probe für seine große Berliner Rede.”

Man könnte das unter “nicht lustig” abhaken. Wäre ja nicht das erste Mal bei taz‘schen Satireversuchen. Leider wird hier aber fröhlich Rassismus reproduziert – selbst dann, wenn es als so überspitzt intendiert war, dass man den rassistischen Gehalt dieser Satire als solchen von Beginn an offenlegen wollte.

Barack Obama ist Schwarz, Roberto Blanco auch – das muss als Parallele reichen, um die beiden physisch wie rhetorisch austauschbar zu machen.

Die taz denkt, das sei Satire; vielleicht sogar eine, die Rassismus irgendwie entlarven soll (wie und warum so, bleibt unklar). Dass diese Satire nur deshalb funktionieren kann, weil man sie auf rassistischen Tropen aufbaut, ist der taz dabei egal. Schwarze Menschen wurden seit jeher als ununterscheidbar und deshalb beliebig auswechselbar angesehen; als ent-individualisierte, ent-persönlichte dunkle Masse, der sowohl physische als auch charakterliche Differenzen fehlte – das “anders”/”nicht-weiß” war genug des Markers und der Beschreibung Schwarzer Personen. Die taz bedient sich dieses Klischees, und sie subsumiert Barack Obama nicht nur unter einen von “diesen”, die irgendwie alle “gleich” aussehen, sondern macht aus der momentan politisch mächtigsten Person der Welt nicht mehr als einen phrasendreschenden Entertainer zur Belustigung eines weiß_deutschen Publikums.

Roberto Blanco hat sich seine Karriere ausgesucht, er singt seine Lieder (hoffentlich) freiwillig. Barack Obama ist jedoch kein Schlagersänger, er ist Politiker. Dass es Parallelen/Überschneidungen von Showbusiness und Politik gibt, ist so alt wie langweilig als vermeintliche “Erkenntnis” hier. Dass Barack Obama als “Popstar” gefeiert wurde, ebenso. Nichtsdestotrotz hat man Kennedy damals nicht mit Heino verglichen, und Angela Merkel vergleicht man nicht mit Barbara Streisand.

Das Narrativ, Barack Obama als inhaltslosen Popstar darzustellen, das sich die taz übrigens von US-Republikaner_innen der McCain-Kampagne abgeguckt hat, baut  auf Rassismus auf – und hier schließt sich der Kreis zum Obama-Blackface Der Partei: Obama wird nicht nur entpersonalisiert und entindividualisiert durch Austauschbare-Schwarze-(TM)-Fotos, er wird zugleich zum bloßen Entertainment für weiße Zuschauer_innen degradiert; als jemand, der alberne Lieder (am besten mit ein bisschen Stepptanz) vorführt. Ihm wird Handlungsfähigkeit (agency) aberkannt, er wird zum bloßen Spektakel eines white gaze, zur Parodie eines weiß-definierten Schwarzseins.

Die taz greift hier tief in die Kiste rassistischer Stereotype, Narrative und Tropen – schon wieder. Wer immer noch ein Abo hat bei den “Genoss_innen” [sic], der_die möge es doch spätestens jetzt endlich kündigen. Die taz selbst freut sich ganz bestimmt über feedback unter @tazgezwitscher oder direkt hier.

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9 Responses to “Die Sehen Doch Sowieso Alle Gleich Aus.”

  1. Blablablub June 19, 2013 at 10:01 pm #

    Was für ein vollkommen lächerlicher Schwachsinn. Ich spar mir hier Nettigkeit und weitere Erklärungen warum das Schwachsinn ist, weil es sowieso nicht freigeschaltet wird.

  2. accalmie June 21, 2013 at 1:51 pm #

    …übrigens: momorulez hat da nochmal was zusammenstellt… :) #KeinePartyOhneFeddersen

  3. Wandelweiser June 21, 2013 at 5:08 pm #

    Tolle Analyse! Habe ich gerne gelesen, erläutert das sehr plausibel :) Nur den Begriff “Tropen” kann ich nicht ganz nachvollziehen; habe mal “Tropen” mit racism et al. gegoogelt, aber nichts gefunden; könntest Du mir das vielleicht erklären? :)

    • accalmie June 21, 2013 at 5:28 pm #

      @Wandelweiser: Danke! Zu “Tropus”/”Tropen”: Es geht mir bei diesem Begriff hier darum, dass sowohl Schwarzsein/schwarze Hautfarbe (zumindest implizit) als Metapher für Nicht-eindeutig-Identifierzierbarkeit/Austauschbarkeit von Individuen herangezogen wird, als auch “Obama”/”Blanco” begrifflich mit “Schwarz” gleichgesetzt werden (ja, ironisch genug bei dem letzten Nachnamen…), wodurch z.B. der “Witz” des Fotos erst “funktionieren” kann. Diesem (rhetorischen und hier auch visuellen) Stilmittel geht hier meiner Meinung nach also eine rassistische Grundannahme (wie im Text kurz erkläutert) voraus.

      • kaa June 23, 2013 at 2:28 pm #

        Nicht nur-es gibt einige Untersuchungen zu diesem Effekt, dessen namen ich vergessen habe-der beschreibt dass Menschen einer ethnischen gruppe Mitglieder anderer ethnischer Gruppen schlechter auseinander halten können “Die sehen alle gleich aus” ist also nicht mal so falsch. Der Effekt wird schwächer wenn Menschen regelmäßig Kontakte zu diversen Mitgliedern der anderen Gruppe haben-das Hirn lernt da vermutlich. Zudem schätze ich dass medienkonsum auch hilft-oder verschlimmert(da Minderheiten null (ausser n paar Token Charakters) null divers repräsentiert sind.
        Der effekt ist btw der grund warum bei einer gegenüberstellung ähnliche Menschen dazugesellt werden-um den effekt etwas zu minimieren.

        Wenn mir nur einfallen würde wie das heisst. -.-

        Das ganze is aber keine Entschuldigung für derartigen mist, den die taz da produziert-wohl aber dafür dass viele weiße eine Japanerin nicht von einer Vietnamesin oder Koreanerin unterscheiden können.

  4. Melanie June 24, 2013 at 7:06 am #

    Hallo accalmie,

    Mir ging es auch so, dass ich über den, sagen wir es mal freundlich, Satireversuch gestolpert bin (WTF?) aber außer einem Unwohlsein damit nicht wirklich auf den Punkt kam, was daran so Scheiße ist. Vielen Dank also für die tolle Analyse.

    Erschreckend zu sehen, wie eine der mächtigsten( und zugleich sicherlich auch einflussreichsten schwarzen) Personen der Welt unter dem Deckmantel der Satire symbolisch entlegetimiert und entmächtigt wird.

    Diese “wir sind links, also können wir garkeine RassistInnen sein” Haltung der Taz ist zum Kotzen.

  5. accalmie June 24, 2013 at 6:09 pm #

    Hallo Kaa, was Du beschreibst, ist der sogenannte “Cross Race Effect”, wenn ich mich nicht irre. Der ist aber auch nicht unabhängig von gesellschaftlichen Strukturen und Stereotypen, und es gibt hier geschichtlich Unterschiede in Machtgefällen/Auswirkungen, die solche bestimmten Beschreibungen, wie sie dieser taz-“Satire” zugrunde liegen, zusätzlich problematisch machen.

    Hallo Melanie, dankeschön und +1 :). Das Absurde ist ja: man könnte so viel Satirisches/Kritisches über Obamas Politik und Selbstpräsentation schreiben, über Prism, über Guantanamo, etc. – aber die taz verlässt sich lieber auf Rassismus. Le Sigh…

  6. majaschwarz June 24, 2013 at 7:54 pm #

    Ich hatte den Artikel ja nicht in der taz selbst gelesen, finde ihn aber, insbesondere, aber nicht nur nachdem ich Deinen Beitrag gelesen habe, wirklich zum kotzen. Hab’ ihn bei FB verlinkt. So viel doofer Müll der taz. :/

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